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Energiewende im Rhein-Hunsrück-Kreis: Chancen für regionale Wertschöpfung

Im Rhein-Hunsrück-Kreis gab es vor 15 Jahren keine nennenswerte Energieerzeugung. Annähernd der gesamte Energiebedarf (Strom, Wärme, Mobilität) musste importiert werden. Der Strom stammte fast ausschließlich von den fossilen/nuklearen Großkraftwerken in den Ballungszentren Ruhrgebiet und Rhein-Main-Gebiet.  

Der ländliche Raum bietet allerdings sämtliche für die Energiewende benötigten Flächen und natürlichen Ressourcen. Bei deren konsequenter Nutzung entwickelt er sich zum wirtschaftlichen Gewinner des erneuerbaren, dezentralen Energiesystems. Die Gesamtfläche des Kreises beträgt 963 km². Hiervon sind 41,7 % Landwirtschaftsfläche und 45,3 % Waldfläche.  

Beispiel Abfallbiomasse
Im Rhein-Hunsrück-Kreis existieren 120 kommunale Sammelplätze, auf denen die Bürger ihren Baum- und Strauchschnitt abliefern. Der kommunale Abfallwirtschaftsbetrieb bereitet diese Abfallbiomasse zu energetisch hochwertigem Brennstoff auf und betreibt mittlerweile drei Nahwärmeverbünde, die insgesamt 33 öffentliche Gebäude beheizen. Hierdurch wird ein jährliches Heizöläquivalent von 673.500 Litern ersetzt. Das Gesamtmaterialaufkommen auf den 120 Sammelplätzen besitzt einen Heizwert von ca. 2,5 Mio. Litern Heizöl im Jahr. Dies steht beispielhaft für die enormen Energiepotenziale, die im ländlichen Raum noch ausgeschöpft werden können.  

Beispiel Solarenergie
Das im Jahr 2011 erstellte Solarkataster hat zu folgendem Ergebnis geführt: Im Landkreis sind langfristig gesehen 58.636 Dachflächen für Fotovoltaik geeignet. Die Gesamtdachfläche beträgt hierbei 4.622.651 qm. Hierauf ist eine Gesamtleistung von 519.014 kWp möglich. Somit könnte langfristig der aktuelle Gesamtstromverbrauch des kompletten Landkreises in Höhe von 473 Millionen kWh gedeckt werden. Die Angaben beinhalten das technische Potenzial; Faktoren wie Statik, Denkmalschutz, Asbestbelastung, Qualität der Dachhaut und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind im Einzelfall zu prüfen. Das gewaltige Potential steht langfristig gesehen zur Verfügung und kann bei weiter fallenden Modulpreisen und neuen, leichteren Fotovoltaik-Generationen (Farbstoff-Solarzellen DSC; kunststoffbasierte Zellen OPV) genutzt werden. Im Jahr 2011 gab es im Rhein-Hunsrück-Kreis bereits 2.404 Fotovoltaikanlagen.  Diese nutzen bereits 9 % dieses theoretischen Gesamtpotentials.  

Die solarthermische Brauchwassererzeugung und Heizungsunterstützung ist als Ergänzung oder alternativ zur fotovoltaischen Nutzung der Dachflächen möglich und sinnvoll. In den Sommermonaten kann mittels weniger qm Kollektorfläche in der Regel der komplette Warmwasserbedarf eines Haushaltes ohne Heizungsunterstützung erzeugt werden. Auch hier ist ein riesiges Ausbaupotenzial vorhanden. Gemäß Klimaschutzkonzept könnte im Jahr 2050 die Solarthermie den Wärmebedarf der privaten Haushalte zu 46 % decken.  

Beispiel Windkraft
Die Landesregierung Rheinland-Pfalz möchte mit der Änderung des Landesentwicklungsprogramms (LEP IV) 2 % der Landesfläche für Windkraftnutzung privilegieren. In den Flächennutzungsplänen, die auf Ebene der Verbandsgemeinden erstellt werden, sind im Rhein-Hunsrück-Kreis derzeit zwischen 3,0 und 5,9 % Vorrangflächen für Windkraftnutzung ausgewiesen. Hintergrund hierfür sind die erheblichen Pachteinnahmen für die meist gemeindeeigenen Windkraftstandorte, die den Ortsgemeinden neue finanzielle Handlungsspielräume verschaffen.  

Mitte 2012 waren im Kreis bereits 149 Windkraftanlagen (WKA) in Betrieb, 44 WKA genehmigt und im Bau und 139 WKA beantragt und voraussichtlich genehmigungsfähig. Seit Mitte 2012 wird bilanziell mehr erneuerbarer Strom erzeugt, als die 101.000 Einwohner insgesamt verbrauchen. Alleine durch den WKA-Zubau sollen im Jahr 2015 bereits rund 300 % des Stromverbrauchs produziert werden. Gemäß einer Potenzialanalyse könnten im Jahr 2020 rund 507 % und im Jahr 2050 rund 828 % des Verbrauches erzeugt werden.  

Keine Überlastungen des Verteilnetzes
Der massive Ausbau der Erneuerbaren Energien im Rhein-Hunsrück-Kreis führte zu Befürchtungen in der Bevölkerung, der erzeugte Strom könne vom Stromnetz nicht aufgenommen werden. Daher hat die Kreisverwaltung im Jahr 2012 entsprechende Erörterungsgespräche mit den WKA-Betreibern und dem Verteilnetzbetreiber „Rhein-Ruhr Verteilnetz GmbH“ (seit 1.1.2013 „Westnetz“) geführt. Ergebnis: Es gab bislang keine Netzabschaltungen wegen Überlastung. Auch zukünftig dürfte dies bis auf wenige Ausnahmen nicht der Fall sein. Es ist kein Neubau von Freileitungstrassen im Kreis erforderlich, lediglich Neubeseilungen der vorhandenen Strommasten werden notwendig. Der nicht vor Ort abgenommene Strom wird über das Verteilnetz in die umliegenden Ballungsräume Neuwieder Becken, Trier und Mainz-Bingen transportiert und dort abgenommen. Die Gespräche haben belegt, dass der dezentrale Ausbau der erneuerbaren Energien auch im Netzbereich viele Vorteile bietet.  

Erhebliches wirtschaftliches Potenzial
Unter Ausschöpfung der vorhandenen erneuerbaren Energiepotentiale im Rhein-Hunsrück-Kreis könnten in Verbindung mit den Energieeinsparpotenzialen bis zum Jahr 2050 rund 250 Mio. € derzeitige Energiebezugskosten regional gebunden werden. Die heutigen Energiebezugskosten würden somit in regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze für Land-, Forstwirtschaft, Handwerk und Dienstleistungssektor umgewandelt.


  • Veranstaltungshinweise
    • 20.11.2017


      Gib Dingen ein zweites Leben - Reparatur in Deutschland stärken
       
    • 21. - 22.11.2017


      Beteiligung in Dörfern und ländlichen Regionen gestalten
       
    • 29. - 30.11.2017


      11. Fortbildungs und Netzwerkkongress für lokales Nachhaltigkeitsengagement
       
    • 24.11.2017


      Informationsveranstaltung zur Afrikanischen Schweinepest
       
    • 29.11.2017


      Die Zukunftsfähigkeit der Einfamilienhausbestände - Problemlagen, Handlungsansätze, Szenarien 2050